War die Rente jemals dafür gedacht, dass wir mit 67 aufhören zu arbeiten?
Die Rente, so wie wir sie heute kennen, ein erstaunlich junges Konzept. Vor allem die Idee der Rente als Lohnersatz, also dass man nach dem Arbeitsleben nicht mehr arbeiten muss und trotzdem seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, gibt es erst seit 1957.
Die Inhalte dieses Beitrags stellen keine Anlage-, Finanz- oder sonstige Beratung dar. Es handelt sich ausschließlich um persönliche Einschätzungen. Bitte führe deine eigenen Recherchen durch und treffe Entscheidungen selbstständig.
Über die Rente
Ist die Rente überhaupt so vorgesehen?
Das neue Reformpaket der Bundesregierung betrifft auch die Rente: Unter anderem wird das Renteneintrittsalter weiter angehoben und ein früherer Renteneintritt ohne Abschläge soll eingeschränkt werden. Das frustriert viele Menschen. Aber ist diese Reaktion gerechtfertigt?
Schließlich ist die Rente, so wie wir sie heute kennen, ein erstaunlich junges Konzept. Vor allem die Idee der Rente als Lohnersatz, also dass man nach dem Arbeitsleben nicht mehr arbeiten muss und trotzdem seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, gibt es erst seit 1957.
Die erste Rente: Hilfe gegen Armut, nicht für den Ruhestand
Deutschland war das erste Land der Welt, das eine staatliche Rentenversicherung eingeführt hat. 1889 führte Reichskanzler Otto von Bismarck die gesetzliche Rente ein.
Die Gründe waren durchaus politisch: Die Industrialisierung hatte große Teile der Bevölkerung in schwierige Lebensverhältnisse gebracht. Mit Sozialgesetzen wie der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung wollte Bismarck die Arbeiterschaft stärker an den Staat binden und gleichzeitig der politischen Radikalisierung entgegenwirken.
Wie sah die Rente damals aus?
Eine Altersrente konnte ab dem Alter von 70 Jahren bezogen werden, vorausgesetzt man hatte mindestens 30 Beitragsjahre gesammelt. Ein Arbeiter mit einem Jahresverdienst zwischen 550 und 850 Mark erhielt jährlich 162 Mark Rente. Bei Erwerbsunfähigkeit kamen weitere Leistungen hinzu.
Die Rente war damals jedoch nur ein Zuschuss. Man ging davon aus, dass ältere Menschen weiterhin arbeiteten, Ersparnisse hatten oder von ihrer Familie unterstützt wurden. Die Vorstellung, dass man ab einem bestimmten Alter vollständig in den Ruhestand gehen und von der Rente leben kann, existierte praktisch nicht.
Dazu passt auch die damalige Lebenserwartung: Ende des 19. Jahrhunderts lag sie deutlich unter dem heutigen Niveau. Viele Menschen erreichten das Rentenalter von 70 Jahren gar nicht.
Kurz gesagt: Die erste Rente wurde nicht eingeführt, damit Menschen ihren Lebensabend genießen können. Sie sollte vor Altersarmut schützen.
Warum sich das nach dem Krieg änderte
Dieses Modell funktionierte jedoch nur solange Familien ihre älteren Angehörigen unterstützen konnten.
Nach dem Ersten und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation drastisch. Viele Familien waren auseinandergerissen, Millionen Männer waren gefallen oder vermisst, zahlreiche Witwen mussten allein Kinder versorgen. Gleichzeitig stiegen die Ausgaben für Hinterbliebenen-, Witwen- und Invalidenrenten stark an.
Nach 1945 wurden zwar weiterhin Renten ausgezahlt, doch diese hielten mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nicht Schritt. Während die Löhne stark stiegen, blieben viele Rentner zurück. Die Rente war inzwischen für viele Menschen die wichtigste oder sogar einzige Einkommensquelle geworden, reichte aber oft nicht zum Leben.
Die Rentenreform von 1957: Der Beginn des modernen Systems
Unter Bundeskanzler Konrad Adenauer kam es 1957 zur großen Rentenreform.
Mit ihr wurde das heute bekannte Umlageverfahren eingeführt: Die aktuell arbeitende Generation finanziert die Renten der heutigen Rentner. Daraus entstand der sogenannte Generationenvertrag.
Vor allem aber änderte sich die Idee hinter der Rente grundlegend. Seit 1957 sollte die Rente nicht mehr nur ein Zuschuss sein, sondern ein Ersatz für das Arbeitseinkommen. Die Politik vertrat die Auffassung, dass jemand nach einem langen Arbeitsleben nicht mehr auf Familie, Almosen oder Weiterarbeit angewiesen sein sollte.
Begünstigt wurde diese Entscheidung durch die damaligen Rahmenbedingungen: Wirtschaftswunder, stark steigende Löhne, viele junge Beitragszahler und vergleichsweise wenige Rentner. Man ging davon aus, dass dieses System dauerhaft tragfähig sei.
Damals kamen etwa sechs Beitragszahler auf einen Rentner. Heute liegt das Verhältnis bei ungefähr zwei zu eins.
Weniger einzahlen, mehr bekommen?
Nach der Reform von 1957 lag das politische Ziel bei etwa 60 Prozent des durchschnittlichen Bruttolohns als Rente. Heute liegt das Rentenniveau bei rund 48 Prozent.
Gleichzeitig sind die Beiträge deutlich gestiegen:
- 1889: etwa 2 %
- 1957: etwa 14 %
- heute: 18,6 %
Die Beiträge wurden damals wie heute jeweils zur Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern getragen.
Aus dieser Perspektive kann man durchaus argumentieren, dass sich das Verhältnis zwischen Einzahlungen und Leistungen deutlich verändert hat. Zumal die ursprüngliche Rentenversicherung nie als umfassende Lohnfortzahlung gedacht war.
Das Problem mit dem Umlageverfahren
Hinzu kommt, dass das Rentensystem schon lange durch Steuergelder gestützt wird.
Bereits 1957 erhielt die Rentenversicherung erhebliche Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb sie auf zusätzliche Finanzierung angewiesen. Heute fließt ein großer Teil der Bundesausgaben direkt oder indirekt in die Alterssicherung, und dieser Anteil dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen.
Das grundlegende Problem ist einfach: Immer weniger Beitragszahler müssen für immer mehr Rentner aufkommen, die gleichzeitig immer länger leben.
Deshalb bleiben letztlich nur wenige Möglichkeiten:
- höhere Beiträge,
- niedrigere Leistungen,
- längere Lebensarbeitszeiten,
- oder höhere Steuerzuschüsse.
Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus allem werden.
Woher kommt die Unzufriedenheit?
Einerseits ist klar, dass sich etwas verändern muss. Die demografische Entwicklung lässt sich nicht wegdiskutieren.
Andererseits kann man vielen Bürgern ihre Unzufriedenheit nicht einfach vorwerfen. Wer immer höhere Beiträge zahlt, länger arbeiten soll und gleichzeitig den Eindruck hat, dass der Staat an anderer Stelle Milliarden ineffizient ausgibt, empfindet Reformen schnell als ungerecht.
Ob diese Wahrnehmung immer den tatsächlichen Zahlen entspricht, ist eine andere Frage. Politisch entscheidend ist jedoch, dass viele Menschen das Gefühl haben, immer mehr leisten zu müssen und dafür immer weniger zurückzubekommen.
Fazit
Die gesetzliche Rente wurde ursprünglich nicht geschaffen, um Menschen einen jahrzehntelangen Ruhestand zu finanzieren. Sie sollte vor allem vor Altersarmut schützen. Erst mit der Rentenreform von 1957 entstand die Idee der Rente als Lohnersatz und damit das Versprechen, nach einem langen Arbeitsleben nicht mehr arbeiten zu müssen.
Dieses Versprechen funktionierte gut, solange viele Beitragszahler auf wenige Rentner kamen. Heute haben sich die Rahmenbedingungen jedoch grundlegend verändert. Deshalb stellt sich weniger die Frage, ob sich das Rentensystem verändern muss, sondern vielmehr wie diese Veränderungen fair gestaltet werden können. Eine Änderung die nur versucht mehr Einnahmen zu generieren, ohne auch den Rotstift bei aktuellen Ausgaben anzusetzen oder eine private Altersvorsorge weiterhin sehr erschwert ist sicherlich die falsche Herangehensweise.
Zu meinem Depot
Klicke hier um mein aktuelles Depot zu sehen. Außerdem siehst du alle Aktien inkl. Performance, Entwicklung, Einkaufs Preis, aktuellem Kurs und auch alle ehmaligen Aktien in meinem Depot.
Zu den Analysen
Klicke hier um alle Aktien Analysen zu sehen. Ich bewerte Aktien anhand von Kennzahlen, Wachstum und Dividenden. Erhalte wertvolle Tipps, um bessere Entscheidungen beim Aktien-Kauf zu treffen.




0 Kommentare